Die vergessenen Kranken in der Coronakrise

Hunderttausende Menschen in Österreich sind chronisch krank. Viele davon haben trotz gesundheitlicher Einschränkungen ihre Krankheit gut im Griff. Seit den Maßnahmen der Regierung im März sieht das nun anders aus.
Ich bin Psoriatiker. Schon seit mehr als 35 Jahren lebe ich mit dieser chronischen und auch unheilbaren Erkrankung. Die im allgemeinen Sprachgebrauch fälschlicherweise als „Schuppenflechte“ – es handelt sich nämlich um keinen Pilz – bekannte Hautkrankheit zeigt sich in der Ausbildung kleiner bis großer, schuppiger und geröteter Hautstellen. Die medizinische Behandlung reicht, je nach Art der Psoriasis, von Salben über Bestrahlungen bis zu Injektionen, je nach Schwere der Symptome.
Doch viele Psoriatiker benutzen, neben verschreibungspflichtigen Medikamenten, diverse andere, höchst wirkungsvolle Maßnahmen zur Linderung. Dazu gehört vor allem Heilwassertherapie in Thermen. Meine LeidensgenossInnen und ich planschen da nicht zum reinen Vergnügen. Es ist eine wichtige und auch effiziente Symptombekämpfung, vorwiegend  zur Linderung von Entzündungen der betroffenen Hautareale und somit des Juckreizes, sowie der Verlangsamung der Schuppenbildung auf der Haut. Dadurch können bei vielen PatientInnen die Dosierungen von Medikamenten herabgesetzt werden. Für einige Betroffene helfen auch Dampfbäder oder Infrarot-Kabinen.
Das ist nun seit 16.März einfach verunmöglicht. Weil es im Moment anscheinend nicht „nötig ist“?
Nun könnte man sagen, ein paar Wochen (oder doch Monate?) nur Salben, mit oder ohne Cortison, zu schmieren, wird in einer Krisensituation wohl genügen. Ja, wenn die Psoriasis ausschließlich die Haut betrifft. Doch so einfach ist es bei vielen, mich eingeschlossen, nicht. Denn neben den Symptomen auf der Haut entwickeln viele Betroffene eine spezielle Form der Gelenksentzündung, die Psoriasisarthritis. Und auch in diesen, teilweise extrem schmerzhaften Fällen lindert oftmals eine Stunde in passendem Thermalwasser, gefolgt von Infrarotbestrahlung, die Symptome.
Das gilt natürlich für alle Menschen mit rheumatischen Leiden. Viele davon nutzen den regelmäßigen Thermenbesuch zur alternativen Abmilderung ihrer Beschwerden. Es ist nun einmal dem Körper nicht besonders zuträglich, Schmerzmittel in hohen Dosen zuzuführen. Jede nicht-medikamentöse Alternative hilft auf lange Sicht ebenso wie kurzfristig.
Viele MS-PatientInnen brauchen zur Aufrechterhaltung ihrer Mobilität spezifische Bewegungstherapien. Diese finden sie in Turngruppen oder auch bei Yoga-Übungen. Das ist ebenso stark eingeschränkt bis verunmöglicht unter den COVID-19-Maßnahmen. Personen mit Bandscheibenproblemen, und deshalb oftmals unter Schmerzen leidend, dürfen ihre gewohnten und selbst bezahlten Massagen nicht in Anspruch nehmen. Auch diverse Turnsäle, Fitnesscenter oder Rückentrainings-Studios wurden verboten!
Stattdessen sollen die Betroffenen ein paar Wochen Schmerzmittel zur Symptomunterdrückung anwenden. Nebenwirkungen inklusive!
Wir haben eine Pandemie, die in ihrer Gefährlichkeit nicht eingeschätzt werden kann – in beiden Richtungen der Gefährdungsskala. Doch es soll und kann nicht sein, dass chronisch kranke Menschen, die nicht von unmittelbar lebensbedrohlichen Erkrankungen bedroht sind, in ihrer gewohnten Routine der Symptombekämpfung so unverhältnismäßig durch die Maßnahmengesetzgebung behindert werden. Noch dazu in Zeiten, wo eine ärztliche Untersuchung bestenfalls zwei Monate später stattfinden sollte. Die Regierung propagiert seit Wochen „Leben retten“, vergisst aber offenbar völlig auf chronisch Kranke, die keine lebensrettenden Maßnahmen, jedoch eine angemessene Behandlung ihrer chronischen Leiden fordern und erwarten.
Nachtrag 15.April, 15.00h: Der ehemalige Experte im Corona-Krisenstab der Kurz-Regierung, Martin Sprenger, verweist in einem Podcast-Interview vom Radiosender Ö1 vom 14. April auch auf kranke Menschen, die durch „Arztpraxen und Krankenhäuser im COVID-19 Modus möglicherweise keine entsprechende Versorgung bekommen haben. Die zurückgehenden Herzinfarktzahlen seien ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Versorgung durch den Fokus auf COVID-19 Lücken bekommen hat“. Ebenso warnen Ärzte vor den medizinischen Kollateralschäden, weil etwa wegen der COVID-19 Pandemie Kontroll- und Operationstermine sowie nicht dringende Behandlungen verschoben werden.  Link zum ORF.Wien Artikel

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.