Kernschmelze in Rot

Jetzt ist es bald vorbei mit blöden Wortspielen. Roten-Chef Kern hat endlich das Handtuch geworfen. Seine Zeit als SPÖ-Hauptattraktion hat zwei Dinge gezeigt: nur weil jemand gut reden kann, muss er von Strategie keinen Dunst haben. Und dass es einfach nicht geht, als Ex-Bundeskanzler mit diesem katastrophalen Wahlausgang (abgesehen von Wien) den Oppositionschef zu geben.

Es war Zeit! Für die SPÖ natürlich die falsche. Doch für den Zustand der Opposition in diesem Land höchste Zeit! Kern war als Oppositionsführer einfach nicht der Richtige. Seine Performance seit der Wahlniederlage (und die war so richtig eine Watschen) schwanke zwischen ratlos, rabiat und retro-modern. Das geht einfach nicht.
Jede Woche legt eine indiskutable Bundesregierung vor allem den Sozialdemokraten einen Ball nach dem anderen auf den Elferpunkt. Sie verwandeln aber nicht, weil keiner da ist, der den Ball auch tritt. Seit einem halben Jahr machen ausschließlich Interessensvertretungen merkbare Aufklärungspolitik gegenüber den Frechheiten von Türkis-Blau. Wenn dann mal Kern vor die Kamera tritt oder ein Interview gibt, kommt da nur wenig. Und die wenig lustige Diskussion zwischen Öko und Asyl war bezeichnend.
Die SPÖ zählte immer schon sehr konservative Menschen zu ihrer Wählerschaft. Der Witz in Österreich ist der, dass hier konservativ gesinnte Menschen (um nicht zu sagen sehr rechte) in der Sozialpolitik immer nach links tendieren. Daher gibt es Kompetenzzuspruch für die Roten bei Sozialthemen und großflächige Ablehnung bei Flüchtlingsthemen. Da versagte die SPÖ völlig und bekam die Rechnung. Denn im Moment schlägt emotional die Zuwanderung die Sozialpolitik. Und da hilft auch nicht die Tatsache, dass sich die Schlichten vor dem gewalttätigen Afghanen, den es de facto kaum gibt, mehr fürchten als vor der real existierenden Gefahr eines schweren Hundeangriffs oder eines betrunkenen Autolenkers. Kern war nur für sehr kurze Zeit die geeignete Person, hier einen glaubhaften Beitrag zur Aufklärung zu finden. Und den Leuten ein wenig die Relationen zu erklären und unbegründete Ängste (geschürt durch Hetze) zu lindern.
Die Volte zum Spitzenkandidat bei der EU 2019 ist schwer zu bewerten. Es kann der SPÖ durchaus Vorteile bringen, aber auch völlig in die Hose gehen. Ein großer Stratege und Taktiker war er nie. Dazu offenbar auch recht eitel und beratungsresistent. Man denke nur an die vergeben Chance von Neuwahlen im Februar. Diese ungenützte Chance war der Anfang von Ende seiner Kanzlerschaft. Und daran laboriert er noch heute!
Es bleibt abzuwarten, wie Kern-Fans (ja, die gibt es unter den gebildeten jungen und urbanen) reagieren. Der SPÖ könnten diese Menschen durchaus bei der nächsten Nationalratswahl fehlen, denn die wählten Kern und nicht unbedingt rot.
Daher muss bei den Roten jetzt rasch eine plausible Nachfolgerin oder Nachfolger gefunden werden. Denn die Regierung wird nach dem „Sand-in-die-Augen-streuen“ des EU-Ratsvorsitzes ab Anfang 2019 langsam in Erklärungsnot kommen (Beispiele? Kindergeld, 12h-Tag, Krankenkassen, Überwachung, BVT, permanente rechtsradikale Rülpser als Einzelfälle uvm.). Dann muss eine schlagkräftige Opposition her! Das geht nur mit einer SPÖ, die klar erkennbare Themen und Personen präsentiert, die diese auch nachvollziehbar und glaubhaft vertreten. Und da wird wirklich kein Instagram-Account, Facebook oder ein Slim-Fit-Anzug benötigt!

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