{"id":293,"date":"2014-07-17T11:44:01","date_gmt":"2014-07-17T09:44:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spitzer-textkonzeption.info\/blog\/?p=293"},"modified":"2014-07-19T10:29:09","modified_gmt":"2014-07-19T08:29:09","slug":"sommertheater-ums-binnen-i-mehr-als-eine-sommerloch-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spitzer-textkonzeption.info\/blog\/?p=293","title":{"rendered":"Sommertheater ums Binnen-I \u2013 mehr als eine Sommerloch-Debatte"},"content":{"rendered":"<p>Als Texter kann ich nur festhalten: das Wort LeserInnen ist nicht verwirrender als das Wort Ged\u00e4chtnisst\u00fctzentraining. Fehlende Lesbarkeit ist eines der Vorschubargumente geistig Gestriger!<!--more--><br \/>\nSprache entwickelt sich und ist permanenter Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung und Realit\u00e4t. Unter diese Kategorie f\u00e4llt auch die aus meiner Sicht v\u00f6llig notwendige Betonung beider Geschlechter innerhalb eines daf\u00fcr geeigneten Subjekts (Hauptw\u00f6rter wie Bezeichnungen, Werkstoffe, Zust\u00e4nde usw. fallen ja da eh nicht darunter).<\/p>\n<p>Ob man\/frau jetzt ein Binnen-I f\u00fcr LeserInnen verwendet oder Leserinnen und Leser ausschreibt ist eine stilistische Frage \u2013 jedoch sicher keine von mangelnder Lesbarkeit.<\/p>\n<p>Doch ist es eine ideologische Beharrung, es nicht zu tun. Warum eigentlich? Es geht ausschlie\u00dflich um das Hier und Heute. Und wer mit dem Hinweis auf die Eigent\u00fcmlichkeit der deutschen Sprache die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung hinter durchwegs maskulinen Formen verstecken m\u00f6chte, hat entweder nichts verstanden (was bei Elfenturm bewohnenden Geisteswissenschaftler ja vielleicht m\u00f6glich ist) oder will einfach gesellschaftliche Umw\u00e4lzungen durch linguistische Bewusstwerdung so verhindern.<\/p>\n<p>Denn es geht schlicht um Angst. Angst, gewohnte soziale Gewissheit zu verlieren, ge\u00e4nderte (maskuline) Spielregeln akzeptieren zu m\u00fcssen. (Und damit unterscheidet sich diese Debatte im Metabereich \u00fcberhaupt nicht von der \u201eSchwulen-Debatte\u201c oder der \u201eT\u00f6chter-Debatte in der Bundeshymne\u201c. Das zeigen ja auch die Protagonisten, die keine Ruhe geben.) Diese Menschen (nicht nur M\u00e4nner, erstaunlicherweise) f\u00fchlen sich von der modernen Gesellschaft einfach \u00fcberrollt. Gelernte Rollenbilder kippen langsam, aber best\u00e4ndig. Gelernte Werte werden laufend in Frage gestellt. Hier zeigt sich auch die Erkenntnis, dass besonders Personen nicht mitkommen, die der Meinung sind, nach der Schule braucht Nichts mehr gelernt zu werden. Ohne Bereitschaft, minimale \u00c4nderungen anzunehmen, enden diese Leute in den Gewissheiten \u201efr\u00fcher war alles besser\u201c und \u201edas war immer so, das kann nicht einfach ge\u00e4ndert werden!\u201c Das Binnen-I ist so eine Thematik. Es sind nicht \u201edie Emanzen\u201c, es ist ein konstanter Umbruch in der Gesellschaft, der auch langsam Zeit wurde. (Die letzte kam in den 70er Jahren, da waren es auch schon die \u201eLatzhosentr\u00e4gerInnen\u201c und die \u201elanghaarigen Asozialen, die nur giftl\u2019n und in Kommunen leben!\u201c)<\/p>\n<p>Sorge um literarische Pflege ist auch kein Argument! Niemand wird nachtr\u00e4glich Werke anhand dieser Kriterien umschreiben (obwohl Worte wie \u201eNeger\u201c in Jugendb\u00fcchern, aber nicht nur da, meist zu \u201eSklave\u201c oder \u201eSchwarzer\u201c umgeschrieben werden. \u2013 eine Herangehensweise, die ebenfalls die sprachliche Verankerung in der gesellschaftlichen Umw\u00e4lzung verortet und von oben erw\u00e4hnten Personen mit \u201edas war immer so, warum soll es ge\u00e4ndert werden\u201c kritisiert und l\u00e4cherlich gemacht wird, ohne nennenswerten brauchbaren Diskussionsbeitrag!).<\/p>\n<p>Seit dem Mittelhochdeutsch hat sich unsere Sprache laufend ver\u00e4ndert, war und ist anthropologischen Einfl\u00fcssen ausgesetzt und im st\u00e4ndigen Fluss. Rechtschreibreformen kamen, alte Normen gingen. Ein gewisser Prozentsatz an Beharrenden ist immer gegen alles Neue \u2013 aber hier geht es um eindeutig mehr.<\/p>\n<p>Und es sind die immer gleichen Pappenheimer, die laut schreien: rechts von der Mitte der Bev\u00f6lkerung angesiedelt, im Mief der Reaktion und innerhalb kleingeistiger Tendenzen gefangen, unf\u00e4hig, \u00fcber den limitierten Tellerrand zu blicken und die Tragweite ihrer Ignoranz zu erkennen. Viele dieser KritikerInnen haben ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zu Glieds\u00e4tzen, Konjunktionen und Beistrichsetzung \u2013 aber einen Satz mit LeserInnen k\u00f6nnen sie nicht verstehen, weil unlesbar. Geh\u2019 bitte! Wom\u00f6glich liegt es am Satz selbst und an der deutschen Grammatik und Semantik? Hauptsache, der Boulevard mit seinen Artikeln auf Volksschulniveau best\u00e4tigt die eigenen Vorurteile.<\/p>\n<p>Das Binnen-I oder Ausschreiben femininer und maskuliner Form in der deutschen Sprache ist wichtig und auch ohne gro\u00dfen inhaltlichen Aufwand durchf\u00fchrbar. Die Lesbarkeit leidet in einem nur sehr geringen Ausma\u00df, sofern der Text in seiner Gesamtheit gut lesbar ist. Zus\u00e4tzlich ist die Macht der geschriebenen Sprache sehr gro\u00df: nicht umsonst versuchen so viele, diese Entwicklung umzukehren.<\/p>\n<p>Auch wenn es einige Menschen nicht verstehen k\u00f6nnen oder wollen: LeserInnen oder Leserinnen und Leser bietet Gleichwertigkeit. Diese Version hat den Vorteil gegen\u00fcber den bisher gebr\u00e4uchlichen Lesern, dass ein Verstecken der weiblichen Teile verhindert wird (nebenbei, gerade in der so pingeligen deutschen Grammatik ist es \u00fcberhaupt nicht gesagt, dass Frauen unter den Lesern sind, also m\u00fcsste es genau ausformuliert werden!)<\/p>\n<p>Das ist im Moment f\u00fcr so manche und so manchen nicht wirklich einsichtig. Aber in den n\u00e4chsten 10 Jahren \u00e4ndert das sehr viel! Die LeserInnen sind nicht ein nutzloses Symbol irgendwelcher \u201eKampfemanzen\u201c, sondern ein weiterer Schritt, die Marginalisierung der Frauen in der Gesellschaft zur\u00fcckzudr\u00e4ngen! Die Sichtbarkeit femininer Formen in Texten zeigt den Weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Texter kann ich nur festhalten: das Wort LeserInnen ist nicht verwirrender als das Wort Ged\u00e4chtnisst\u00fctzentraining. 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